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Produktivitätsverlust durch Social Media? [24. Mrz, 08:55]
Die Einführung von Social Media bringt für viele Unternehmen eine entscheidende Frage mit sich: Sollen sie ihr Firmennetzwerk für Social Media Sites öffnen, so dass Mitarbeiter auch vom Arbeitsplatz aus auf diese zugreifen können?
In vielen Unternehmen herrscht die Angst, dass mit einem Fallen der Sperre auch die Produktivität abstürzen könnte. So verbannen über die Hälfte der US-Unternehmen Social Media noch immer aus ihren Netzwerken. Als Rechtfertigung werden nicht selten Studien zitiert, die das belegen sollen. Was aber sagen Studien zu diesem Thema wirklich? Und wird hier überhaupt die richtige Frage gestellt?

Nucleus Research. Eine der bekanntesten Studien Productivity zum Thema ist diejenige von „Nucleus Research“ mit Sitz in Boston. Von den 237 befragten Arbeitnehmern nützten 61% Facebook am Arbeitsplatz für private Zwecke. Die durchschnittliche Zeit auf Facebook pro Tag lag laut der Studie bei 15 Minuten. Nucleus Research errechnete damit einen Produktivitätsverlust von 1,47%.

Universität Melbourne. Eine Studie der Universität Melbourne kam zu einem anderen Ergebnis. Laut dieser Studie steigt die Produktivität durch „Workplace Internet Leisure Browsing“ (WILB) um 9%. Entspannung zwischendurch verbessere die Konzentration und damit die Produktivität, so die Studienautoren. Zitat der Autoren: „People who do surf the Internet for fun at work - within a reasonable limit of less than 20% of their total time in the office - are more productive by about 9% than those who don’t.“

MyJobGroup.co.uk. Eine weitere Studie, diesmal aus Großbritannien, fragte die eigene Einschätzung von Arbeitnehmern zu ihrer Produktivität ab. Demnach glauben 14% der Arbeitnehmer, dass sie die Nutzung von Social Media in der Arbeit weniger produktiv macht. Zugleich sagen 10% der Befragten aus, dass sie durch Social Media Nutzung produktiver werden.

Network Box & Nielsen’s Quarterly.
Schließlich gibt es Studien, die sich direkt auf den Webtraffic von Social Media Sites konzentrieren. Laut einer Network Box Studie sind 6,8% aller Webzugriffe in den USA am Arbeitsplatz auf Facebook zurückzuführen. Nielsen’s Quarterly Three Screen Report schätzt, dass 44% aller Online-Videos in der Arbeit angesehen werden.

Die Frage nach der Aussagekraft
Es wird leicht ersichtlich, dass die verschiedenen existierenden Studien zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen kommen, beziehungsweise nur begrenzt auf die Kernthematik Produktivitätsverlust eingehen.
Insgesamt scheinen die bisher durchgeführten Studien noch sehr unscharf. So kann etwa bei der Nucleus Studie, die rund 1,5% Produktivitätsverlust angibt, von einer Unschärfe ausgegangen werden, die mit höchster Wahrscheinlichkeit über diesen 1,5% liegt.

Vor allem aber stellt sich die Grundfrage, wie Produktivität in diesem Zusammenhang überhaupt gemessen werden kann.
Eine Möglichkeit ist es, die Arbeitszeit die mit Social Media verbracht wird, direkt auf die Produktivität der einzelnen Mitarbeiter umzulegen, wie dies bei der Nucleus Studie getan wurde. Dabei werden allerdings mögliche positive Effekte (z.B. verbesserte interne Kommunikation durch die Verwendung von Social Media Diensten) nicht berücksichtigt.
Eine zweite Möglichkeit ist die Befragung von Mitarbeitern nach ihrer eigenen Einschätzung, wie dies die Autoren der MyJobGroup.co.uk Studie versuchten. Dass diese Vorgehensweise äußerst subjektiv ist, liegt auf der Hand.
Um objektiv messen zu können, müsste beispielsweise der Umsatz vor und nach der Netzfreischaltung von Social Media herangezogen werden. Allerdings können auch hierbei andere Einflussfaktoren auf den Umsatz (Werbekampagnen, allgemeine Wirtschaftslage,...) nicht ausgeschlossen werden.

Die richtige Frage stellen
Schlussendlich muss die Produktivitätsfrage durch eine Kulturfrage ersetzt werden. Denn auch wenn die Gefahr eines Produktivitätsverlustes nicht ausgeschlossen werden kann, ist sie nicht das eigentliche Problem. Wirklich faule Mitarbeiter finden auch andere Wege unproduktiv zu sein. Und mit dem Einzug der Smartphones ist das Thema technisch ohnehin nicht mehr kontrollierbar.
Die einzige Lösung ist ein proaktives Herangehen, das zu einer offeneren Unternehmenskultur führt und aus dem Problem eine Chance macht.

Wozu kann also ein offener Zugang zum Social Web am Arbeitsplatz führen?
Mitarbeiter sind motivierter. Vertrauen und Freiheit schafft Motivation.
Schnellere und bessere interne und externe Kommunikation wird durch Transparenz und Offenheit gefördert.
Bessere Informationsbeschaffung: Social Media Sites zu sperren ist so, als ob man Google und E-Mail verbieten würde. Mit einer Öffnung hat die Mitarbeiterschaft die Gelegenheit wichtige Informationen im Social Web zu sammeln, Beziehungen mit Kunden zu pflegen und mit Partnern zu kommunizieren.
Mitarbeiter werden zu Multiplikatoren. Das Social Web bringt eine Veränderung der gesamten Unternehmenskommunikation mit sich. Nicht mehr nur einzelne Verantwortliche kommunizieren mit der Öffentlichkeit, sondern jeder Mitarbeiter ist potentieller Multiplikator. Dies positiv zu nützen funktioniert nur durch aktive Einbeziehung der Mitarbeiter und deren freien Zugang zum Internet.

Social Media Governance
Das alles passiert natürlich nicht automatisch. Das große Potential der Mitarbeiterschaft muss durch einen gut durchdachten Social Media Governance Prozess, der Guidelines, Schulung und mehr beinhaltet, freigesetzt werden. Es kommt darauf an, wie Mitarbeiter befähigt, nicht wie sie eingeschränkt werden.
Oder, wie es IT-Blogger Andre Yee formuliert: „Productivity is more about the quality of employees than accessibility to data.“
Johannes Wigand   Kommentar verfassen
Stephan Fink (Gast) meinte am [25. Mrz, 17:55]
Guter Update
Guter Update zu einer Diskussion, die nicht neu und noch lange nicht beendet ist.

Die Vielzahl unterschiedlicher Unternehmenskulturen, die teilweise von Abteilung zu Abteilung schon signifikant voneinander abweichen, und die konkreten Aufgabenfelder von Mitarbeitern erfordern aus meiner Sicht sehr individuelle Vorgehensweisen.


Ob Social Media zum Zeitkiller oder Produktivitätsturbo werden, hängt zudem nicht nur von Unternehmen und der "Zugangsfrage" ab.

Elementar sind an dieser Stelle die individuelle Medienkompetenz und der bewußte Umgang mit der "Multioptionsfalle" Internet/ Social Web. Hier können Unternehmen zwar unterstützen und müssen Führungskräfte punktuell auch führen, aber letztlich hängt der "Produktivbeitrag" für das Unternehmen vom individuellen Verhalten der Mitarbeiter ab. Das gilt übrigens nicht nur für das Social Web.

Ob das Social Web und der freie Zugang im Arbeitsalltag von jedem Arbeitnehmer an jedem Arbeitplatz sinnvoll oder aus Unternehmenssicht zielführend ist, sollte durchaus differenziert betrachtet werden.

Im Dienst twitternde Lokführer, bloggende Krankenschwestern oder "facebookende" Fertigungsmitarbeiter ... kann ich mir nur begrenzt vorstellen?

Und dass einzelne Mitarbeiter in Ihrer Freizeit schon vor dem Social Web als Botschafter ihres Arbeitgebers unterwegs waren, wird in der aktuellen Diskussion genauso (oft) vergessen wie die Frage, ob Mitarbeiter dies überhaupt möchten. Meine Erfahrungen in verschiedensten Projekten zeigen, dass gemäß der 90-9-1-Regel nur die wenigsten aktiv werden.Und - wohl am wichtigsten – der Wunsch nach strikter Trennung von Privat- und Arbeitsleben zu einer immer deutlicheren Entkoppelung von privater und geschäftlicher Social Media Aktivität führen wird. Mitarbeiter möchten auch nicht, dass Ihre privaten Social-Media-Aktivitäten vom Arbeitgeber vereinnahmt werden (im Sinne einer unausgesprochenen Erwartung "Schreib mal was nettes über uns"). Und die explizite Aufforderung an Mitarbeiter als "empfehlender" Social Media Promotor ins Netz zu starten, verbietet sich genauso wie "Fake-Bewertungen" auf Bewertungsportalen.

Dass pauschale Netzsperren in Zeiten von Smartphones ohnehin nur begrenzte Auswirkungen haben, habe ich bereits vor einen Jahr gebloggt: http://blog.ffpr.de/2010/04/22/social-media-verbote-sind-keine-losung/

Nochmals danke für die Zusammenfassung der neuesten Studien.

Beste Grüße nach Österreich

Stephan Fink 
Johannes Wigand antwortete am [28. Mrz, 14:59]
Social Media Governance
Ja da stimme ich zu, die Medienkompetenz und Verantwortung der einzelnen Mitarbeiter ist das A&O. Und für jedes Unternehmen ist ein differenziertes und maßgeschneidertes Vorgehen notwendig, daher braucht es ein gut durchdachtes Social Media Governance Konzept und kein pauschales "legt mal los". Beim Thema privat und beruflich sehe ich eher ein starkes Zusammenwachsen, eine schwer trennbare Vermischung - wobei aber bei den Mitarbeitern natürlich erst recht das Bedürfnis nach einer Trennung größer werden wird.
Danke auch für den Link, sehr guter Beitrag mit tollen weiterführenden Links! 
Alexander Stocker (Gast) meinte am [7. Apr, 11:24]
Wie messen wir Produktivität?
Guter Beitrag mit Hinweisen auf die jeweils durchgeführten Studien.
Das Problem liegt im Verständnis von Produktivität:

Viele Unternehmen denken dabei (noch) nur an Zeit:
8h am Arbeitsplatz = 8H produktiv. Das mag vielleicht einmal für manuelle Arbeit gegolten haben.
8h Arbeit - 5 Minuten Facebook = 7h 55 Produktivität, ergibt 5 Min Produktivitätsverlust der kostet: Mal ganz ehrlich, warum gibt es (noch) so viele Entscheider, welche in derart alten Strukturen denken? 
Johannes Wigand antwortete am [7. Apr, 14:50]
Produktivität
Sehr guter Punkt. Genau deshalb ist es so wichtig Unternehmen verständlich zu machen, dass es bei Produktivität um viel mehr geht als um Zeit.
Dazu eine weitere gute Studie (diesmal aus Kopenhagen), die zu dem Schluss kommt, dass Ablenkung/Entspannung zwischendurch schlussendlich produktiver macht:
http://www.newyorker.com/talk/financial/2011/04/11/110411ta_talk_surowiecki 
Frank Hübner (Gast) meinte am [14. Mai, 17:07]
Das sind doch alles die falschen Fragen
Meine Meinung:

1. Ist die Arbeitsmoral schlecht, ist nicht Facebook schuld.

2. Wird Facebook & Co gesperrt wird eben auf Krone oder sonstwo gespielt.

3. Es wird immer ermittelt wieviel Zeit man auf Social Media PLattformen verbringt, nicht ob die Zeit im Internet generell steigt und was in Social Media gemacht wird.

4. YouTube ist Social Media aber auch die zweit größte Suchmaschine und wird für Recherche und Weiterbildung genutzt.

5. Twitter wird von allen ernstzunehmende Medien und Journalisten als Suchmaschine genutzt.

6. XING wird zur Kundengewinnung und zum Austausch mit Gleichgesinnten genutzt.

7. Wikipedia, bezweifelt dessen Nutzen wirklich noch jemand?

...

Ich könnte das unendlich fortführen, aber Tatsache ist, dass 95% aller Unternehmen (meine Schätzung) einfach noch nicht reif für Social Media sind. Das Problem ist, dass sich hierdurch Marktanteile gewaltig verschieben können (Beispiel Blendtec). Die Unternehmen müssen erstmal von dem Trip der Produktivität weg kommen, sich nicht von Unternehmensberatern beraten lassen, die nur Zahlen jonglieren und eigentlich keine Ahnung haben wie man Produktivität erhöht, sondern nur wie man Geld spart und Leute entlässt und lernen, dass man Motivation der Mitarbeiter nicht kaufen kann. Erst wenn die Unternehmen zu modernen Unternehmen 2.0 werden, funktioniert plötzlich auch Social Media. Nicht jeder muss in Social Media aktiv werden, aber ich muß wissen wann wer wo was über mich spricht, meine Mitarbeiter müssen meine Social Media Richtlinie kennen und verstehen und die Führungskräfte verstehen, was deren Vorbildsfunktion ist.

Social Media ist ein Teil des ganzen und gehört in klassisches Marketing, PR, Kommunikation und internen Prozessen integriert. Denn es ist kein Tred oder Hype, sondern eine Entwicklung, eine "Evolution" die unsere Gesellschaft hervorgebracht hat und nicht erst 5 Jahre alt ist, sondern mind. 15-20 Jahre.

Einige der großen die das nicht verstanden haben werden fallen, ein paar sind es schon. Da ist nicht eine fehlende Social Media Strategie schuld, sondern fehlende Innovation, Weitsicht und ein schlechtes Arbeitsklima. Alle Statistiker sollen mal die Statistiken vergleichen, in welchen es um Umsatzsteigerungen geht (und mit Mitbewerber vergleichen) und gleichzeitig mit der Mitarbeiterzufriedenheit. Gleichzeitig mal die Statistiken der Unternehmen die nach Beratern eingespart haben und mit deren Mitarbeiterzufriedenheit vergleichen.

Social Media zu verbieten ist dazu wohl der falsche Weg. Bei den beliebtesten Arbeitgebern findet man bezahlte Freizeit, Wuzzler/Kicker, Flipper, Billiardtische und vieles anderes. Bei den unbeliebten geben die Mitarbeiter das lächeln am Empfang ab, sitzen in Großraumbüros und müssen sich zum "pinkeln gehn" abmelden. Wer ist wohl produktiver? 
Johannes Wigand antwortete am [16. Mai, 14:14]
Culture Change
Danke für den Kommentar. Ja, es geht eben genau um einen "Corporate Culture Change", nicht einfach nur um eine Frage der Produktivität. Wie bereits zitiert: „Productivity is more about the quality of employees than accessibility to data.“ Und vielleicht sollte man so ergänzen: "And of course quality employees will only work at a quality employer". 

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