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[15. Nov, 10:09] |
Kirche und Social Web, das klingt für viele Ohren im ersten Moment wie ein Paradoxon. Dass dem nicht so ist, zeigen Facebook Pages wie JesusDaily oder TheBible. Sie stellen mit ihren Interaktionen Seiten wie Justin Bieber oder FC Barcelona in den Schatten und führen den weltweiten Interaktivitätsindex an. Gleich vier Pages mit Glaubensbezug finden sich unter den Top 10. Insgesamt sind mehr als 43 Millionen Facebook Nutzer derzeit Fans von mindestens einer Page der Kategorie „Religion“.
Auch bei Twitter ziehen Glaubensinhalte besonders. Claire Diaz Ortiz, Head of Social Innovation bei Twitter meint: „The kind of content that religious users and influencers are creating is really incredible,“ und ergänzt "More than 40 percent of the top global religious leaders are on Twitter, including @DalaiLama and the Pope, who sent his first Tweet from @news_va_en in June."
In Ländern wie USA oder Brasilien schon lange ein Thema, beschäftigen sich auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Experten und Kirchenleute damit, wie Social Media mit Glaubensthemen zusammenpasst und wie die neuen Medien genutzt werden können. Barcamps wie Kirche 2.0, an dem ich Anfang November teil nahm, werden immer etablierter.
Perfect Match
Dabei setzt sich immer stärker die Erkenntnis durch, dass Kirche und das Web 2.0 eigentlich ein „Perfect Match“ sind, denn schließlich ist Religion inhärent „social“. Jahrhunderte lang war die Kirche neben Stammtischen und ähnlichem einer der zentralen Orte Beziehungen zu pflegen.
Moderne Kirchen etwa in den USA nutzen dies im Social Web bereits äußerst erfolgreich. Megachurches wie Northpoint, Elevation Church oder Willow Creek erweitern ihre „Church Community“ digital, von Facebook Pages über Twitter Accounts und Blogs, bis Predigten zum downloaden in iTunes und ansehen auf YouTube.
Selbst eigene „Christian Social Networks“ sind am boomen. Neben schon lange bestehenden Angeboten wie GodTube erfreuen sich auch cross.tv oder tableproject.com großer Beliebtheit. Und Apps mit religiösem Bezug erobern die App Stores, von diversen Bible Apps bis zu iRosary und iBlessing.
Wichtig dabei ist die Unterscheidung zwischen Glaube und Religion, also sozusagen institutionalisiertem Glauben. So haben viele erfolgreiche Social Media Angebote nichts mit kirchlichen Institutionen zu tun, sondern beschäftigen sich eigenständig mit Glaubensthemen. Bestes Beispiel ist die bereits erwähnte Nummer 1 Facebook Page in Sachen Interaktivität, JesusDaily. Die Page mit einer Interaktivitätsrate von rund 15% (Vergleich: Starbucks 1,32%) wird von Dr. Aaron Tabor, einem Arzt betrieben und hat keinen Bezug zu einer bestimmten Kirche oder Denomination.
Zugleich ist das Phänomen natürlich auch nicht nur auf den christlichen Glauben beschränkt. Initiativen von Islam, wie muslimsocial.com bis zum Judentum wie ourjewishcommunity.org finden sich im Web. Auch Ökumenische Initiativen haben das Potential des Social Webs erkannt.
Eine Kulturfrage?
Spannend zu beobachten ist, dass gerade im deutschsprachigen Raum deutlich weniger Dynamik in Sachen Glaube und Social Media herrscht als in vielen anderen Regionen der Erde.
Gründe dafür, so waren sich etwa die Teilnehmer am Barcamp in Linz darin einig, gibt es vor allem zwei.
Zum einen herrscht in vielen religiösen Institutionen noch große Skepsis oder ganz einfach Unverständnis hinsichtlich der gerade stattfindenden Medienrevolution. Typischer Satz in diesem Zusammenhang: „Naja, wir wolln ja nicht, dass die Leute nachher über die vielleicht schlechte Predigt von unserem Pfarrer diskutieren.“
Zum anderen handelt es sich wohl auch um eine Kulturfrage. Während sich US- und Südamerikaner gerne öffentlich über ihren Glauben austauschen, gilt Glaube bei uns viel mehr als Privatsache und wird daher weniger auf sozialen Netzwerken geteilt.
Trotzdem gewinnt auch bei uns die „Kirche 2.0“ an Fahrt. So hat gerade Saalfelden (Salzburg) die erste App einer österreichischen Pfarre im Apple Store gelaunch, immer mehr Glaubens-Institutionen starten Facebook Gruppen und Pages. Auch innovativere Möglichkeiten wie etwa der Livestream von Gottesdiensten werden immer stärker genutzt.
Community braucht gemeinsame Werte
Natürlich haben Glaubensbezogene Social Media Aktivitäten in der Regel den Nachteil, nicht wie große Unternehmen Nutzer mit Gewinnspielen und Coupons locken zu können. Dafür haben sie aber auch einen entscheidenden Vorteil: Sie organisieren ihre Aktivitäten ganz automatisch um Werte und Überzeugungen, eine Grundlage für erfolgreiches Agieren im Social Web. Genau davon müssen Unternehmen noch lernen, wenn sie in ihren Interaktivitätsraten aufholen möchten. |
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